Wenn die Brücken schlapp machen.

Wenn die Brücken schlapp machen.
Foto Quelle:DPA

Eine Rheinbrücke bei Mainz ist derzeit komplett gesperrt – kein Einzelfall. Ein Grund für den Sanierungsbedarf: Die Erbauer unterschätzten den wachsenden Güterverkehr.

Zwischen den Landeshauptstädten Mainz und Wiesbaden herrscht in diesen Tagen Verkehrschaos. Die Schiersteiner Brücke, ein wichtiger Übergang über den Rhein, ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch für den Verkehr komplett gesperrt worden – seitdem stauen sich auf Ausweichstrecken die Fahrzeuge kilometerlang. Ein Brückenpfeiler hatte sich bei Bodenarbeiten verschoben, die Brücke sich um 30 Zentimeter gesenkt. Experten begutachten den Schaden nun, doch erst kommende Woche wollen sie eine Aussage treffen, wann der Überweg wieder befahrbar ist.

Das aktuelle Beispiel steht für viele sanierungsbedürftige Brücken auf Bundesstraßen und Autobahnen. Geschwindigkeitsbeschränkungen oder sogar Fahrverbote für Lkws wie auf der Leverkusener Rheinbrücke oder zeitweise auf der Rader-Hochbrücke in Schleswig-Holstein sind eine weit verbreitete Folge. Nur 14 Prozent der rund 39.000 Bundesfernstraßenbrücken sind laut Bundesverkehrsministerium in einem guten oder sehr guten Zustand. Ein Drittel bewertete das Ministerium mit ausreichend, weitere 14 Prozent aber mit nicht ausreichend oder gar ungenügend.

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Ein Grund für die zunehmende Sanierungsbedürftigkeit ist der wachsende Güterverkehr. In den Siebzigern wog der durchschnittliche Lkw 26 Tonnen, heute sind es 44 Tonnen.

Ein großer Teil der Autobahnbrücken stammt aus den 1960er und 1970er Jahren, als das Autobahnnetz umfassend ausgebaut wurde. Damals dachten die Brückenbauer, ihre Konstruktionen würden 100 Jahre halten – doch viele machen schon nach der Hälfte dieses Zeitraums schlapp. Ein Grund für die zunehmende Sanierungsbedürftigkeit ist der wachsende Güterverkehr. In den Siebzigern wog der durchschnittliche Lkw 26 Tonnen, heute sind es 44 Tonnen. Auch die Anzahl der Lkws und die gefahrenen Strecken nahmen erheblich zu. Lkws legten 1970 in Deutschland 28,2 Milliarden Kilometer zurück, 30 Jahre später waren es 71,8 Milliarden Kilometer, wie Zahlen des Bundesverbands Güterkraftverkehr belegen.

Zu lange waren Neubauprojekte beliebter

Die Transportleistung der Lastwagen auf deutschen Straßen – die insgesamt transportierte Menge multipliziert mit den dafür zurückgelegten Wegen – stieg allein von 2000 bis 2013 von 177,6 Milliarden Tonnenkilometern auf 238,7 Milliarden Tonnenkilometer. Mit einem derart massiven Anstieg der Verkehrslasten hatte man in der Planungsphase vor rund 50 Jahren nicht gerechnet. Erschwerend kommt hinzu, dass laut dem nordrhein-westfälischen Straßenbau-Landesbetrieb ein Lkw mit zweimal zehn Tonnen Achslast auf der Autobahn die gleiche zerstörende Wirkung hat wie 60.000 Pkw.

Für rund ein Viertel der Gesamtbrückenfläche bestehe kurz bis mittelfristig Instandsetzungs- oder Erneuerungsbedarf, schrieb das Bundesverkehrsministerium voriges Jahr in einem Verkehrsinvestitionsbericht. Dass etwas getan werden muss, weiß man allerdings schon seit Ende der 1990er Jahre, sagt Jürgen Berlitz, Referent für Straßenverkehrsplanung beim ADAC. „Aber zu lange wurden lieber Neu- und Ausbauprojekte umgesetzt als bestehende Bauwerke saniert.“

Auch im neuen  Verkehrswegeplan 2015/2016 hätten die Bundesländer wieder viele Neubauprojekte angemeldet, beispielsweise Ortsumgehungen, sagt Berlitz. Da frage man sich, ob das Problem wirklich bei den Verantwortlichen angekommen ist, kritisiert der Experte. Immerhin hat das Bundesverkehrsministerium im vergangenen Jahr eine zusätzliche Milliarde Euro freigegeben, um marode Brücken zu sanieren. Damit können allerdings nur 78 Bauwerke unterstützt werden.

Sorgen beim Überfahren einer Brücke muss man sich grundsätzlich aber nicht machen. „Ein Spontanversagen ist sehr unwahrscheinlich“, meint Berlitz. Die Brücken seien so gebaut, dass sich das Versagen ankündigt – zum Beispiel durch Risse, die bei der Prüfung der Bauwerke entdeckt würden, wie jetzt an der Schiersteiner Brücke. Auch die ist schon länger Sorgenkind. Seit 2013 wird daneben an einem neuen Überweg gebaut. Er wird allerdings erst 2019 fertiggestellt sein.

pdfVerkehrswegeplan 2015/2016

Quelle:Die Zeit

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