Zwischen Romantik und Knochenjob – Unterwegs mit einem Rudolstädter Trucker

Zwischen Romantik und Knochenjob – Unterwegs mit einem Rudolstädter Trucker
Foto Quelle:OTZ Peter Cott

Ein Mann, sein Truck und die Straße. In Cowboystiefeln und Flanellhemd, Tom Astor im Ohr, erobern sie die Straßen der Welt. So will es das Klischee! Doch der Kraftfahreralltag sieht oft ganz anders aus.

Rottenbach/ Rudolstadt. Fernab der Trucker-Romantik: In Rottenbach am Montagmorgen 5.30 Uhr kratzt Stephan Koch in greller Warnschutzjacke das Eis von seinem Iveco Stralis. Mit Taschenlampe nimmt er unter anderem die Bremsen und Spanngurte in Augenschein. Eine penible Abfahrtskontrolle gehört zur Routine. Von den üblichen Klischees hält er nicht viel. „Das wird oft verklärt“, winkt er ab. Stereotypisch ist nur das Nummernschild mit seinem Namen.

Im Lkw fallen daher keine Wimpel mit Südstaatenflagge oder nackten Frauen ins Auge, sondern eine Kiste Gemüse als Proviant und ein Wasserkanister. „Zum Waschen, falls ich keinen Rastplatz bekomme“, übertönt er den Motorenlärm. Die nächsten fünf Tage wird Koch auf der Straße verbringen und schlafen, wo Platz ist. Denn ab 18 Uhr sei es schwer noch unterzukommen, erklärt der 41-Jährige. Schätzungen gehen von 30 000 fehlenden Lkw-Stellplätzen in Deutschland aus.

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Die erste Tour des Tages: 19 Ballen ­Altpapier müssen nach Schwarza. Foto: Peter Cott

Die erste Tour des Tages führt aber zunächst durch heimische Gefilde nach Erfurt. Punkt 6 Uhr setzt Koch dafür das Gespann mit 450 Pferdestärken in Bewegung. Im Inneren des Lkws ist davon kaum etwas zu hören. Die steilen Straßen zur A71 gelingen fast mühelos. Erst als ein Autofahrer die Kurve schneidet und Koch abbremsen muss, schimpfen Motor und Fahrer gleichermaßen: „Unüberlegt! Diese Augen-zu-und-durch-Mentalität wird immer schlimmer.“ Statt zu rasen, könne man auch einfach früher aufstehen, um pünktlich zu sein. Von ihm erwarte man schließlich auch eine rechtzeitige Anlieferung, sagt Koch.

Leere Einkaufregale wegen Stau – unvorstellbar! Fast jedes Produkt werde auf den ersten und letzten Kilometern mit Lkws transportiert, erklärt Kochs Disponentin, Heidrun Schlegel. „Wir sind rollende Lager“, kommentiert Koch. Die Arbeit der rund 800″000 Kraftfahrer im Land müsse daher stärker gewürdigt werden, fordert Schlegel. „Diese Kerle stehen unter Druck“, sagt die Mitarbeiterin des Rudolstädter Fuhrbetriebs Schlegel. Wer nicht pünktlich zum Ab- und Beladen ist, müsse Strafe zahlen und oft Stunden warten. „Das geht aber von der Lenkzeit ab“, klagt sie.

Bei der Thüringen Recycling GmbH in Erfurt läuft aber alles reibungslos. Ein Gabelstapler bestückt die Ladefläche mit 19 Ballen Altpapier, die in der Papierfabrik Adolf Jass GmbH & Co KG in Schwarza wieder aufbereitet werden. Noch währenddessen sichert Koch die Ballen mit Gurten, Rungen und Plane.

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In England werde ich schief angesehen, wenn ich selbst Hand anlege“, so Koch.

 

„Jeder der Ballen wiegt über eine Tonne und kostet bis zu 100″Euro“, erklärt Klaus Muck, Platzmeister des Recyclinghofs. Dem Fuhrbetrieb kommen – bezogen auf die Gesamtladung – davon 180 Euro zu gute. Eine überschaubare Summe angesichts der Leerfahrt nach Erfurt, einem Verbrauch von 34 Litern Diesel auf 100 Kilometer und vier Arbeitsstunden des Fahrers.

Dennoch seien wenige Kunden bereit, mehr zu zahlen. „Während die Preise klettern, bleiben die Frachteinnahmen gleich“, sagt Schlegel.

Sinkende Ölpreise als Argument lässt sie nicht gelten. Dies allein kompensiere nicht teurere Reifen, Reparaturen und den Lohn für ihre 17 Fahrer. Als Asphaltcowboys oder Könige der Straße werden diese Männer gern betitelt. Koch lacht darüber nur. „Hier ist man alles. Manchmal auch Bürokraft“, sagt er das Frachtbuch ausfüllend. Und klagt über wachsenden bürokratischen Aufwand.

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Die Einsamkeit war mir immer Recht. Ich brauche die Ruhe“, erklärt Koch, der keine Familie hat. Nur wenigen seiner Kollegen gelinge der Spagat zwischen Fahren und Familie.

 

Beispielsweise durch strenge Lenkzeitenregeln: Innerhalb von zwei Wochen darf er höchstens 90 Stunden fahren. Maximal-Lenkzeit sind neun Stunden am Tag. Spätestens nach 4,5 Stunden muss er pausieren. Als Unterbrechung sind 45 Minuten vorgeschrieben. Das kann zwar gestaffelt werden, dann aber in vorgeschriebenen Blöcken von 15 und 30 Minuten. „Manchmal musst du studiert sein“, kommentiert Koch die komplexen Regeln, deren Missachtung hohe Bußgelder nach sich zieht. Dass er sich davon unterkriegen lässt, kauft man dem Mann, der bald sein 20. Dienstjahr vollendet, aber nicht ab.

Ein Jubiläum begeht demnächst auch Kochs Arbeitgeber. Das Bestehen des Fuhrbetriebs jährt sich bereits zum 80. Mal. Der Gewerbeschein vom Mai 1935 ist auf Oskar Unsinn, Heidrun Schlegels Großvater, ausgestellt. Alles habe sehr klein angefangen, zunächst noch mit einem Pferdegespann,

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Aber man kann aus der Ladung nichts herausschneiden“ lacht Koch.

 

erklärt sie. Ein erster Schritt in die Moderne war der Kauf eines Ford-Lastwagens. Die Fotografie des in den 30er Jahren produzierten Ford Modell BB, das in Schlegels Büro hängt, erinnert an alte Mafiafilme über die Prohibition. Haupteinnahmequelle des Fuhrunternehmens war allerdings nicht der Schmuggel von Alkohol. Nachdem 1974 Dieter Schlegel, nun in dritter Generation, die Geschicke der Firma lenkte, wurden mit einem W50 vor allem Schüttgüter transportiert.

Nach der Wende sorgte ein Auftrag von Coca Cola für den Firmenwachstum und Fahrten bis in die Türkei. Damals schon dabei: Stephan Koch. Der gelernter Landwirt verlor nach 1990 seine

 

Anstellung.

Das Arbeitsamt zahlte ihm den Führerschein. Die Frage, ob er zurück in seinen alten Job wolle, verneint er heftig: „Nie wieder! Ich fahre lieber.“ Vielleicht doch ein Rest

der oft zitierten Trucker-Romantik? Lächelnd verabschiedet er sich zur nächsten Tour in Richtung Bremen. Es sieht so aus, als würde es nicht bei seinen 2,5 Millionen gefahrenen Kilometern bleiben.

 

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